Kurtradition in Baden
Schon die Römer schätzten die heilende Kraft des Wassers, nicht nur in Baden (damals Aquae), sondern auch in anderen Great Spa Towns wie Bath (damals Aquae Sulis). Doch erst seit 1700 blühte die Tradition des Kurens richtig auf. Die Kur wurde zu einem Gesamtpaket aus Heilbad, Bewegung und Vergnügen, und sollte dem Körper und dem Gemüt guttun. Der Mensch stand im Mittelpunkt.
Was das für eine Glückseligkeit wäre, wenn die Menschen in der Welt so, wie im Bade leben wollten! Aber die Welt ist ja kein Bad.“
Friedrich G. Schilling, Meine Launen in Baden, 1781
Schwefel. Wasser.
Im 19. Jahrhundert war Baden bereits ein Weltkurort und das größte Heilbad auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Ausschlaggebend waren neue Entwicklungen in Bäderheilkunde (Balneologie) und Wasserheilkunde (Hydropathie). Kartografen konnten die Heilquellen geologisch erfassen und gezielt danach graben. Dazu kamen die strengeren Maßstäbe für Körperhygiene seit der Aufklärung. Es fand ein reger Austausch von Ideen und Erfahrungen unter Ärzten statt, und die Gäste kurten jetzt unter wissenschaftlicher Anleitung.
Je nach chemischer Beschaffenheit trank und inhalierten die Kurgäste das Wasser, oder badeten darin. Baden im Schwefelwasser diente dabei nicht der Reinigung (Tradition der Alltagsbäder), sondern der therapeutischen Behandlung (Tradition der Heilbäder). Beim Vollbad, Halbbad, Fußbad, Tropfbad oder Dunstbad nahmen Haut und Schleimhäute den Schwefel auf. Zusätzlich wurden Schlamm-umschläge verabreicht. Richtig dosiert linderte der Schwefel chronische Erkrankungen und hemmte das Wachstum von Pilzen und Bakterien, regte die Regernation des Bindegewebes an, verbesserte die Durchblutung und verminderte Zell- und Gefäßalterung.
„Oft kommen kranke Leute auf zwei Krücken, oder müssen in das Bad getragen werden, und in einigen Wochen gehen sie gesund und ohne Stütze nach Hause.“
Carl Rollett, Hygieia, 1816
Das Schwefelwasser enthält bis zu 12 Milligramm Sulfitschwefel, den man riecht sobald er sich mit Wasserstoff verbindet. Die meisten Gäste bevorzugten darin zu baden, anstatt es einzuatmen oder zu schlucken. Um es dennoch trinken zu können, mischten findige Köpfe Fruchtsaft oder Wein dazu. Mitte des 19. Jahrhunderts erfand der Badearzt Franz Habel die Molke-Kur: Sein beliebtes Wellnessgetränk bestand aus Schwefelwasser, frischer Milch und Kalbsmagen, und sollte heiß auf nüchternen Magen genossen werden! Josephine von Mauthner schreibt in ihrem Tagebuch amüsiert über den „gräulichen Molkenpansch“, den ihre Mutter jeden Morgen trank.
Interessantes zu den Badeordnungen ist in Arbeit und kommt demnächst…
Spazieren. Wandern.
Bewegung – geplant, wiederholend und zielgerichtet – war Teil der Kur. Anfangs mussten die Gäste dafür nicht einmal selber schwitzen. Sie konnten auf Eseln reiten oder in der Kutsche fahren. Erst um 1820 wurde Zu-Fuß-Gehen beliebt. Die Gäste machten ausgedehnten Spaziergänge in der frischen Luft, um körperlich gesund zu werden und zu bleiben. Schon damals war Übergewicht eine Zivilisationskrankheit der Oberschicht.
Die Wanderlust von Ludwig van Beethoven ist legendär. Bei seinen zahlreichen Ausflügen trug der berühmte Komponist legere Kleidung und keinen Hut, weshalb er im 30-km entfernten Wiener Neustadt einmal als „Lump“ verkannt und verhaftet wurde. Inmitten der wildromantischen Landschaft konnten Beethoven, Schubert & Co. Energie tanken und Inspiration für ihre unsterblichen Werke finden. Heute markiert der Beethovenstein im Helenental so einen Kraftort.
Die berühmtesten Gartenarchitekten ihrer Zeit entwarfen die öffentlichen Parkanlagen der Great Spa Towns of Europe. Federführend in Baden waren Jean Baptiste Barbé, Joseph Streibl und Josef Krupka. Barbé, Gärtner in der Herrschaft Vöslau, entwarf 1792 den neuen Stadtgarten mit geschwungene Pfaden und, aus Gründen der Sicherheit und Sittlichkeit, mit geraden Alleen und Baumzeilen. So wuchs der winzige Theresiengarten südlich der Ursprungsquelle langsam zu einem imposanten Kurpark.
Der untere Kurpark war ein gesellschaftlicher Treffpunkt und Startpunkt für ausgedehnte Wanderungen in die Schwarzföhrenwälder des Wienerwalds. Die Erzherzöge Anton und Karl und anderer hochadelige Gäste trugen wesentlich zur Verschönerung der weitläufigen Kurlandschaft bei: Sie legten Fußwege an, bepflanzten verkarstete Flächen und inszenierten die Ruinen Rauhenstein und Rauheneck als Aussichtstürme. Das mächtige Schloss Weilburg (1945 zerstört) war der dramatische Höhepunkt der therapeutischen Landschaft im Helenental.
„Angenehmen Pfade führen im wohltuenden Schatten auf den südlichen Abhang des Kalvarienberges. Man findet Pavillons, Grotten mit Ruhesitzen und Schutzdächern, und ein Schweizerhaus an einem herrlichen Plätzchen…Die Aussicht ist sehr weit und überraschend. Sie reicht bis and die Grenzen Ungarns und Steiermarks. Die Stadt liegt tief unten und man übersieht sie und ihre Umgebung als ein Ganzes.“
Theodor Gettinger, Baden und seine Umgebungen, 1851
Geselligkeit. Vergnügen.
Die Kurlisten der Great Spa Towns lesen sich wie ein Who’s Who der europäischen Geschichte. Die blaublütige Klientel machte die Kurstädte zu wahren Magneten für die Gesellschaft. Promeniert wurde, um berühmte Besucher „zu sehen“, und um selber „gesehen zu werden“. In einem Brief aus 1807 berichtet der königlich preußische Regierungsrat E.T. von Uklanski erfreut, in Baden bei Wien zehntausende Fremde aller Nationen zu sehen. Langeweile kam schwer auf. Die Gäste feierten rauschende Parkfeste, lauschten Kurkonzerten, besuchten Operettenaufführungen und amüsierten sich beim Glücksspiel.
Der Adel vermischte sich mit dem Bürgertum, aber die Gesellschaft blieb in besitzende und besitzlose Klasse geteilt. Ab 1800 errichteten private Stiftungen Wohltätigkeitshäuser und Spitäler. Arme und Bettler durften in eigenen städtischen Badehäusern oder in Badehütten entlang der Schwechat baden. Die Stadt betreute die Kinder des Kurpersonals seit 1841 kostenlos in einer Kinderbewahranstalt, dem heutigen Marienkindergarten.
Reisen war ein Privileg der Männer. Geldverdienen auch. Abseits der Hauptstadt war die Atmosphäre jedoch ungezwungen. Carl Spindler berichtet um 1850 erstaunt über die selbstbewussten reitenden und rauchenden Damen in Baden! Witwen vermieteten Unterkünfte an Kurgäste, die meist wiederum Frauen waren. Ehemänner und Väter kamen am Wochenende nach. Oft versüßte Flirten einsamen Herzen den Aufenthalt. Spazieren ging frau freizügig bekleidet, zumindest für die damalige Zeit. 1819 schreibt Carl F. Zelter erfreut an seinen Freund Johann Wolfgang von Goethe, dass die Damen hier „weder bedeckt noch versteckt“ sind.
Musik spielt eine zentrale Rolle. Angesagte Musiker wie Publikumsliebling Karl Komzák und Walzerkönig Johann Strauß unterhielten die Gäste. Der weltberühmte Librettist Richard Genée verliebte sich in Baden und ist sogar hier verstorben. Noch heute gedenkt die Stadt dieser großartigen Künstler mit den Namen von Wege und Gassen. Andere Musikschaffende kamen selbst zur Kur. Der wohl legendärste Kurgast, Ludwig van Beethoven, schrieb hier nicht nur seine 9. Symphonie (heute die Europahymne), wie zwei seiner Briefe aus 1823 beweisen, sondern suchte in Baden auch Erleichterung für seine Leiden. Beethoven kurte auch in den drei böhmischen Great Spa Towns. Das war eine frühe Form von Gesundheitstourismus.
Die Kurgäste waren anspruchsvoll. Ihre Wünsche und Bedürfnisse wechselten unaufhörlich, doch die Kurstadt musste sie ernst nehmen. So wetterte die Gäste bis 1700 gegen Hühner auf der Straße oder Schlachtabfälle im Stadtgraben. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Probleme technischer: Die Menschen sorgten sich um die Wasserversorgung und den Verkehr. Der Einsatz neuer Technologien machte das Leben in der Kurstadt angenehmer, gesünder und effektiver. Seit 1888 konnten die Gäste während ihres wochenlangen Aufenthalts nachhause telefonieren. Viele der innovativen Lösungen, wie die versenkbaren Hebefenster im Musikpavillon oder das schiebbare Glasdach der Sommerarena, wurden zu Wegbereitern der Moderne.












